P R O G R A M M T E X T E
lullaby
(2004)
für Horn
Vicki
Tafferner gewidmet
Die Bewegung des Wiegens und der ruhige Charakter von Wiegenliedern sind ein Bezugspunkt für lullaby . Das Wiegen ist als Bewegungsthema verallgemeinert, z.B. im Sinne einer Pendelbewegung (einer Bewegung mit zwei Auslenkungsrichtungen). Bewegungsausschnitte werden focusiert, Bewegungsdetails werden zu neuen Gestalten zusammengesetzt. Lullaby als klingende Bewegungsstudie.
Wir kennen das Horn als Instrument, dass Töne markant voneinander trennen kann. Vor dem Hintergrund des Wiegenliedthemas, hat es mich interessiert, auch der enormen Ton – und Klangfarbbeweglichkeit des Horns einen Raum zu verschaffen. Kleinste Tonhöhen- und Rhythmus-veränderungen entsprechen Bewegungsnuancen. Stufenlose Verbindungen zweier Töne (Glissandi) entsprechen „runden“ Bewegungsverläufen. Kleinste Tonschritte (Mikrointervalle) können wir als Rasterung der stufenlosen Bewegung hören , betrachten .
Ein
Wiegenlied dient der Beruhigung . Wenn dieses Stück beruhigen möchte, dann auf
eine Weise, die uns in eine Ruhe des Lauschens, Zuhörens versetzt. Eine Ruhe ,
die Details und Nuancen wahrnehmbar werden lässt und uns die Gelegenheit
schenkt, uns von Klang berühren zu lassen.
Christian Billian
Inbezugnahme
(2003)
zu zwei Caprichos von Francisco Goya
für Gitarre
Zu Goya's Caprichos
An Goyas Arbeit fasziniert mich seine politische Schärfe, politisch im Sinne von Kritik an Obrigkeiten (wie in diesem Fall der spanischen Kirche und des Adels im ausgehenden 18.Jhd.) und gleichsam der Humor, welcher seine Arbeiten durchzieht.
Durch seinen Humor, das Verzerren/Ausdehnen ins Komische, behalten die Protagonisten der Caprichos, die Schwachen, Ausgebeuteten, Irren der Gesellschaft auf seltsame Weise ihre Würde, ihren Stolz. Seine Art von Humor schafft Distanz, damit auch die Verunmöglichung der Vereinnahmung der dargestellten Szenen als Objekte bloser Mitleidsbekundung. Und damit vor allem auch das Eingeständnis , daß die Verhältnisse nicht so bleiben müssen, daß sie betrachtbar, aufdeckbar sind, Alternativen gefunden werden können. Das Potential an Möglichkeiten zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse muß für Goya greifbar nahe gewesen sein, sympatisierte er doch mit den Gedanken der französischen Revolution. In einem Land wie Spanien zu leben, wo man sich zu jener Zeit von den französischen Entwicklungen abschottete, mag seine Wut, seinen Sarkasmus erklären, der sich durch die Caprichos zieht.
Wenn nun die Idee vorhanden ist, zu solchen Radierungen Musik zu schreiben, stellt sich unwillkürlich das Problem der "Darstellung". Die beiden entstandenen Stücke habe ich "Inbezugnahme" genannt. Sie sind nicht der Versuch das Abgebildete darzustellen, sondern nehmen lediglich Anstoß an den Caprichos. Die Bilder sind Ausgangspunkt für die Stücke, die allerdings genau in diesem Kontext entstanden sind. Das macht wiederum das Projekt als Ganzes interessant, weil durch die verschiedenen Stücke der beteiligten Komponisten etwas über das Wesen der Analogiebildung, Übertragung von Bild zu Musik zum Vorschein kommt.
Asta su Abuelo (bis zu seinem Urahn)
Der Esel dient in den Caprichos als Symbol für den Adel. Beim Anschauen seines Ahnenbuches, stößt der abgebildete Esel auf nichts anderes als wiederum Esel in geringfügiger Modifikation. "Ein Esel bleibt ein Esel" also möglicherweise in der Bedeutung, der Adel mag sich geringfügig verändert haben, aber seinem Wesen nach bleibt er der selbe dumme Esel.
Im Stück ist dies Anlaß für Klanggestalten, die ihre Grundeigenschaften im wesentlichen beibehalten und eine sich entwickelnde Form, die sich zum Anfang zurück entwickelt, sich im Kreise dreht.
Christian Billian
„Unter der Oberfläche eines monotonen Klick-Klack entfaltet sich ein subtiles, gleichwohl verfremdetes Spiel von Resonanzen und rhythmischen Variationen. Daraus entsteht eine souverän disponierte musikalische Form, deren Klanggestalten sich in einer Kreisbewegung wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückentwickeln.“
Jürgen Ruck
Tu que no puedes (Auf dir dem Schwachen)
Die
Radierung zeigt den beschwerlichen Gang zweier "Eselträger".
Dennoch vermag man Stolz, fast Gleichmut im Gesicht des vorderen Trägers wahrzunehmen. Ein Gleichmut, der vielleicht ein stummes "Ça ira!"
auf den Lippen trägt, deutet schon die Konstellation von Esel (= der Adel)
tragenden Menschen (= das Volk) augenscheinlich darauf hin, dass die Verhältnisse
genau umgekehrt sein müssten. Also eine (versteckte) Auforderung zum Umsturz -
zur Revolution?
Die Gitarre stellt spätestens seit Anfang des 19.Jhd. "das" Instrument des Flamenco dar. Der Flamenco, der in seinem Entstehen stets Ausdruck des Protestes, der Anklage war kann man als Kultur des Stolzes und Mutes und des Widerstandes gegen Obrigkeiten und Missstände beschreiben.
Im
kraftaufwendigen, gleich bleibenden Gang des Stückes befinden sich Reste von
Flamenco-Rhythmen, die keinerlei Veränderung erfahren, die gleichsam als
Parolen stehen bleiben . Das Stück steuert auf eine Situation zu, wo das
Fortschreiten der Musik nicht ohne einen deutlichen Einschnitt, eine Veränderung
möglich wäre.
Christian
Billian
Kompositionsauftrag der Staatsgalerie Stuttgart, anlässlich der Stuttgarter Kunstnacht 2003, Jürgen Ruck gewidmet
Verabzweigung
(2003)
Für Oktett
Wie kann ein Tonraum durchschritten werden – wie gelangt man von einem Ton zum nächsten? Unter anderem für diese Fragestellung sucht das Stück in Form von kurzen aufeinander folgenden Abschnitten nach einer spielerischen Konkretisierung. Verzweigung kann man in dem Stück verstehen als die Zusammensetzung verschiedener Möglichkeiten von Tonfortschreitung. Wie groß sind z. B. die Schritte und wie viele pro Zeit finden statt. Die Art des Durchschreitens kann je nach Zusammenstellung sehr verschiedene Charaktere annehmen; Fortschreiten, Schleppen, Ins Stocken geraten, Eilen, Schlendern, Verweilen etc. Man mag dies als strukturelle Klangaspekte auffassen oder sich zu den unterschiedlichen Fortschreitungscharakteren kleine Szenen ausdenken.
Eine Abzweigung macht das Stück zu einem anderen in fast gleicher Besetzung: Octandre von Edgar Varèse aus dem Jahr 1923. Einem Nadelöhr gleich, zitieren Oboe und Piccoloflöte in der Mitte von Verabzweigung jeweils einen Takt aus Octandre; (während sich zunächst das ganze Oktett auf das Oboenzitat hinbewegt, entfernt sich die Piccoloflöte weg vom Zitat zurück zur kompletten Besetzung.)
Im letzten der drei Großteile von Verabzweigung werden Oboe, Fagott und Bassklarinette auseinandergebaut. Waren zuvor ein exakte Intonation, exakte Ton- schrittgrößen gefragt, ist jetzt nur noch eine instrumentenbedingt-ungefähre Intonation möglich. Das zuvor genau bestimmte Durchschreiten der jeweiligen Tonräume erfährt nun Abweichungen. Und, ein Stimmungs-/Szenenwechsel findet statt. Der letzte Teil spielt möglicherweise in einer Bar, Zigarettenrauch tief in der Luft hängend: Blue note. Hohes Zwitschern vermischt sich mit Momenten von Blues und Jazz.
Christian Billian
Kompositionsauftrag des ensemble chronophonie (März, 2003)
Felgaufschwung -
eine Verlaufsskizze (2002)
für
Querflöte
für Elisabeth Hirst
Felgaufschwung -eine Turnübung an der Reckstange -steht hier als Bild für
die Zunahme an aufzuwendender Energie, allgemein für Zunahme. Skizziert wird der Verlauf von insgesamt 8 prozesshaften Abschnitten unterschiedlicher Dauer, die jeweils das Thema `Zunahme' thematisieren. "Skizze" auch deshalb, weil die Prozesse nur angedeutet werden. Dann wieder Abbruch. Neuanfang von einem anderen Punkt aus. Vielmehr Felgaufschwungsversuche als Felgaufschwünge.
Das ist ein Blick auf das Stück, ein anderer ist das Verhältnis von Haupt- und Nebensächlichem. Es gibt insgesamt 7 verschiedene Ereignisse:
1. Akzente
2. Tonwiederholungen
3. Glissandi
4. Tremolo, Triller,
Klangfarbtriller
5. Tonhöhenfiguren,
Skalenausschnitte
6. whistle tones
("Pfeifregister")
7. Crescendi, die
langsam beginnen und
gegen Ende sprunghaft ansteigen
Im Verlauf des Stückes
werden mit diesen Ereignissen unterschiedliche Perspektiven geschaffen. Was im
einen Teil vielleicht nebensächlich war, steht in einem anderen im Vordergrund.
Ein letzter Blick auf
das Stück. In den ersten 7 Abschnitten geht es um eine Art und Weise des Flötenspiels,
die an der Tradition von Virtuosität
auf der Flöte anknüpft. Was daran virtuos, "tüchtig" ist kann man
als Zuhörer unmittelbar sehen und hören. Der letzte Abschnitt ist nicht minder
aufwendig. Die Fertigkeit spielt sich allerdings auf ganz kleinem Raum ab, in
feinsten Bewegungen der Finger, des Mundraums, der Lippen und der Intensität
des Luftstroms.
Christian
Billian
Pressestimmen
„Christian Billian lieferte mit
Felgaufschwung – eine Verlaufsskizze“ ein ausgereiftes Virtuosenstück für
Querflöte ab, differenziert ausformuliert und durchzogen von feinem Humor.“
Januar
2003 Badische Zeitung
und
meist setzt sich (2000)
für Stimme (Mezzosopran) und E-Gitarre
In
Spielwarengeschäften gibt es diese kleinen mit einer Flüssigkeit gefüllten
Halbkugeln, die Gebäude oder Landschaften beherbergen. Schüttelt man sie,
schneit es aus dem imaginären Himmel, und nach einiger Zeit setzen sich die
Schneeflocken auf dem Boden ab. Im Verlauf des Stückes setzen sich bestimmte
rhythmische Ideen und Spielweisen ab, von denen manche im letzen Abschnitt des
Stückes – als festgesetzte Ereignisse – eingefroren werden. Die
unvorhersehbaren Bewegungen aufgeschüttelter Schneeflocken gleichen der
Aneinanderreihung kurzer Abschnitte oder auch der nicht systematischen Abfolge
von pulsartigen und sprachähnlichen Rhythmen.
Christian
Billian
Ausgewählt für das
6.Nachwuchsforum der Gesellschaft für Neue Musik
Mitschnitte der Uraufführung durch den Hessischen und Bayrischen Rundfunk
Jürgen Ruck –
E-Gitarre und Sule Girardi – Mezzo-Sopran
(ensemble modern)